Marie-Luise Artelt: Vergebung

Schreibimpuls:

Im Zug – ein Geheimnis wird gelüftet – Teilnahme an einer Konferenz – ein Ort ist nicht da, wo er sein sollte

Emil hörte dem stetigen Rauschen des Windes zu, der an den Fenstern einer alten Dampflok vorüberzog. Der junge Mann hörte immer gerne den Geschichten zu, die vom Wind an seine Ohren herangetragen wurden. Auch wenn die Erzählungen meist von Helden und Edelmännern handelten, fühlten sie sich für Emil allesamt real und lebendig an. Beinahe so, als ob er sie selbst vor langer, langer Zeit erlebt hätte, doch er wusste insgeheim, dass er in diesen Geschichten womöglich nie einen Platz finden würde.

Denn sein Geist war lediglich von Feigheit besetzt.

Als Emil seine müden Augenlieder schloss, umstreichelten zwei weiche Hände seine kalten feuchtgetränkten Wangen. „Weine nicht, Emil! O, weine nicht, mein Lieb‘! Befreie dich von deinem Schmerz und fülle Liebe in dein Herz. Du weißt doch, ich habe dich nie verlassen. Ich bin stets ganz nah bei dir. So denk zurück an die glücklichen Tage, die du erlebt hast, zusammen mit mir.“

„Aber ich sehe dich nur, wenn die Farben der Welt in der Schwärze der Nacht versinken. Wenn nur noch Dunkelheit meine Augen umgibt und Reue über die Liebe siegt.“

„Ein von mir gut gehütetes Geheimnis, möchte ich dir nun vor deiner Reue offenbaren. Ich habe dir verziehen, und das schon vor langen Jahren. Der Krieg war mein Lehrer, unter dem ich schmerzlich war, was ich niemals hätte sein können, eine glückliche Frau, so wunderbar. Die raue Bank der Demut sank tief und bleibend, ich fiel so schmerzlich und auch so leidend. Doch du bist frei von jeglicher Schuld, waren wir doch beide zu jung und zu naiv im Glauben, um zu wissen, was geschah vor unseren getrübten Augen.“

Der Schmerz des Vergessens zwang Emil in die Knie. Stumme Tränen liefen abermals seine Wangen hinab und zogen tiefe Furchen der Reue in sein Gemüt. Die alte Dampflok fuhr in den Bahnhof der Stadt ein, in der Emil seit mehreren Wintern über Leben und Tod urteilte. Die Zeit des Abschiedes war erneut gekommen.

Emil griff sich an die schmerzende Brust, doch entflammte in ihm zur gleichen Zeit neue Entschlossenheit. Mit loderndem Willen erhob er sich von dem kalten Boden des Abteils. Ab heute würde er schweigen. Kein weiteres Leben sollte mehr verraten werden, keine weitere Zukunft sollte einem Unschuldigen genommen werden.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Dampfender Rauch zog am Fenster des Abteils vorbei und verhüllte die Menschen am Bahnsteig in tanzende verschwommene Gestalten.

Emil öffnete seine Reisetasche und entnahm ihr einen weißen Briefumschlag. Der junge Mann zerriss den darin enthaltenen Brief mit den Namen all jener, die den Tod nicht verdienten. Die Überreste des Zeugnisses einer mordenden Diktatur hielt er in seiner rechten Faust gefangen, den nun leeren Briefumschlag in seiner linken Hand. Mit einem letzten Seufzer öffnete er das Fenster und erhob seinen rechten Arm zum Gruß gen Himmel. Weiße Fetzen wurden von dem kalten Wind hinfortgetragen und verschwanden in der immer dunkler werdenden Landschaft.

Kühle Luft wurde in das Abteil geblasen. Es roch nach Gewitter, daher schloss Emil das Zugfenster und ließ sich auf seinen Platz nieder. Nachdem er eine Weile einfach nur dagesessen und gleichmäßig ein- und ausgeatmet hatte, nahm er ein leeres weißes Blatt Papier aus seiner Reisetasche und fing an, in geschwungener Handschrift seinen Namen mitsamt Adresse niederzuschreiben.

Es klopfte an der Abteiltür, und ein Schaffner trat ein. „Herr von Böhmen. Ich bitte um Verzeihung für die Störung. Ich möchte Ihnen nur kurz mein Anliegen darlegen. Es zieht ein starkes Gewitter auf, wir werden daher langsamer als zuvor unsere Reise fortsetzen. Ich bitte dies zu entschuldigen.“

„Ich verstehe.“

Der Schaffner verbeugte sich. „Ich wünsche Ihnen trotz der widrigen Umstände eine angenehme Weiterfahrt.“

Emil nickte, ohne etwas auf die Worte des Schaffners zu erwidern.

„Falls ich mir noch eine Frage erlauben darf“, fügte der Schaffner hinzu. „Sind Sie heute gar nicht geschäftlich unterwegs, Herr von Böhmen?“

„Ja, mein Herr, da haben Sie Recht. Ich bin heute nicht geschäftlich unterwegs.“

„Aber was ist mit der Konferenz, an der Sie sonst immer teilnehmen?“

„Meine treuen Kollegen werden es verkraften, wenn meine Wenigkeit sich entschuldigen lässt. Man braucht schließlich mal ab und zu auch etwas Zeit für sich, nicht wahr?“

„Da haben Sie vollkommen Recht, Herr von Böhmen.“ Der Schaffner verbeugte sich ein letztes Mal, ehe er aus dem Abteil trat.

„Guter Herr?“

„Ja, Herr von Böhmen.“

„Ich hätte da noch eine kleine Bitte, wenn Sie entschuldigen.“

„Selbstverständlich.“

Emil faltete das beschriebene Stück Papier zusammen und steckte es in den Briefumschlag, den er all die Zeit in seiner linken Hand festgehalten hatte. „Können Sie veranlassen, dass dieser Brief so schnell wie möglich aufgegeben wird? Er muss noch heute den Weg zu seinem rechtmäßigen Empfänger finden.“

„Sie können sich vollstens darauf verlassen, Herr von Böhmen, dass der Brief so schnell wie möglich zugestellt wird. Ihnen eine gute Weiterreise.“

Emil lächelte schwach und sah dem Schaffner nah, wie er mit dem Brief in der Hand zum Führerstand des Zuges abbog. Wehmut ergriff den jungen Mann. Nach all dieser Zeit ließ er endlich Gerechtigkeit walten. Nach all dieser Zeit konnte er sich von seiner Schuld befreien.  Nach all dieser Zeit flossen zum allerersten Mal Tränen der Erleichterung und nicht Tränen der Reue. Nach all dieser Zeit sah er Hoffnung vor seinen getrübten Augen. Bald würde er von seinem Schmerz erlöst werden und den Menschen wiedersehen, den er auf abscheuliche Weise verraten hatte. Ein ehrliches Lächeln umspielte die trockenen Lippen des jungen Mannes, die schon seit geraumer Zeit keine Liebe mehr gespürt hatten. Mit jedem Herzschlag war er dem Leben ein Stück ferner, dem Tod und seiner großen Liebe ein Stück nähergekommen.

„Ich werde um Vergebung schreien, wenn niemand mich erhört, wie die Klagelieder jener Leben, die ich einst zerstört.“

Marie-Luise Artelt