Ilona Beier: Kerpen

Schreibimpuls:

Zwei Brüder ‒ Menschen verschwinden ‒ auf dem Dachboden ‒ jemand hat seinen Namen vergessen

Vom Dachboden des alten Herrenhauses dringen Geräusche in den darunter liegenden Salon. „Fledermäuse“, lispelt Henry, seinen Kopf bestätigend nach oben neigend.

„Sicher, sicher“, meint sein Bruder Gustav, die in den Händen haltende Tageszeitung wirsch umblätternd.

Die Abenddämmerung hat die Prignitz erreicht. Rotgoldene Sonnenstrahlen verfangen sich in den müde nickenden Dahlien- und Asternblüten. Wie Harlekine säumen sie die Auffahrt zum Haupthaus. Erhalten Sommerbunt im gepflegten Grün des Parks ums Gut.

„Da schau her, wieder eine Pressekonferenz unseres Hauptkommissars“, schmunzelt Gustav. Sein schmales Gesicht wird von roten Flecken überzogen, die hohe Stirn legt sich in Falten. Er nippt am Whisky. Ein allabendliches Ritual zum Feierabend! Der Tag in der Praxis war wenig erfreulich. Landärzte wühlen mitunter auch im Seelenmüll ihrer Patienten, denn es fehlt an Fachkompetenzen in der Region.

„Ein bislang nicht zu klärendes Phänomen überschattet die Beschaulichkeit unseres Städtchens“, liest Gustav seinem Bruder laut vor. Von den drei verschwundenen Kerpener Männern ist nicht die geringste Spur gefunden worden.

„Als unerklärlich gilt, dass keiner der drei Männer Papiere und Kleidung mitnahm oder Reisevorbereitungen getroffen hatte“, so die Worte des Kommissars.

Die über 50-jährigen Männer, die in einer Skatgruppe Kontakt zueinander hatten, verschwanden nach dem Frühstück am 14. August diesen Jahres. Ihre Familienangehörigen wurden erst spätabends argwöhnisch, als gegen 22 Uhr ihr Ausbleiben Sorge erregte.

Gustav liest ihre Namen, die Angaben zur Person und die vagen Mutmaßungen der Polizei langsam und laut vor. Ein hämisches Grinsen legt sich um seinen Mund. „Wie sehr man Unterbelichtete täuschen kann!“ Uralte Arroganz macht sich in seinem Innern breit.

Sein Bruder Henry rutscht im Ohrensessel hin und her. Er beginnt, sich die Innenseite seines rechten Unterarms zu kratzen und wie wild ins Fleisch zu beißen. Gustav flucht, öffnet den Medizinschrank und verabreicht seinem Bruder eine Injektion Ritalin 25 mg.

„Übrigens“, nuschelt er im Vorübergehen, „RTA hat überwiesen!“

„Wie klug die Pharmariesen sind, besonders die aus Portugal! Sie transferieren über Italien.“

„Ich mache die Abendrunde heute, ruh dich aus!“ Er fährt mit dem Lift in den Keller, verschwindet im Labyrinth neonbeleuchteter Gänge.

„Transiente globale Amnesie“, diagnostiziert er im Raum 23. Er betrachtet das Häufchen Mensch auf der weiß bezogenen Matratze. Ein stoisch lächelndes Etwas.

Er stellt einen Teller gebratener Hühnerkeulen auf den Tisch.

Hans A. lächelt selig und beginnt schmatzend mit dem Abendmahl.

Trefferquote hundert Prozent.

Die beiden Männer in Raum 24 und Raum 25 zeigen ähnlichen Befund. Blau ist die Tablette, ein Mikrochip, mit der Lupe nicht mehr zu erkennen. Per Futonen ins Gewebe der Haut gestrahlt, genial! Hoch zufrieden dokumentiert Dr. med. Gustav Heidenreich seine Studienergebnisse zur Medikamentenerforschung in die Liste.

RTA arbeitet für den CIA. In zwei Tagen wird er mit kräftigem Handschlag die drei Kerpener Männer entlassen. In ihren Hosentaschen befinden sich je 50.000 Euro.

Ihr Verschwinden wird im Städtchen als „Altmännerstreich“ aufgelöst. Wir waren nur mal in der Spielbank in Berlin, wird es heißen. Auch ihre Frauen werden schweigen.

Nach Malle geht’s demnächst.

Ilona Beier