Cathie Janetzky: Der Komet

Schreibimpuls:

 

Ein Antiquar – eine Liebe zerbricht – an/auf einem Fluss – es wird nicht hell   

 

Herr Semmelweiß erhob sich von seinem Stuhl, der in der hinteren Ecke seines Geschäfts stand. Wie jeden Morgen wartete er, bis der Briefträger die Post in den Kasten geworfen hatte, so auch heute. Nur heute hatte er unter besonders großer Anspannung gewartet, deshalb sprang er regelrecht zwischen den Regalen und Büchertürmen hindurch in Richtung Tür, sah noch, wie der Postbote davonging, und öffnete auf der Innenseite seiner Tür den Kasten.

 

Tatsächlich. Die ganze Nervosität der letzten Tage durchrieselte ihn noch mal in hochkonzentrierter Form bis in die Spitzen seiner Finger, mit denen er den hellbraunen Briefumschlag herausnahm.

 

Diese Schrift! Dieser Stil! Diese Neigung! Er war vollständig verzückt, sogar von der Briefmarke, die sie ausgewählt hatte: ein Komet, die farbige Abbildung eines Kometen war auf dieses kleine Format geprägt. „Kometisch!“, sagte er, wiederholte das Wort noch zwei-, dreimal, um den angestauten inneren Druck abzulassen. „Kometisch!“

 

Sie hatte ihm geschrieben, so, wie sie es versprochen hatte. Alles würde gut werden, so, wie er es oft und oft in den vielen Büchern gelesen hatte. Herr Semmelweiß wusste genau, dass er diesen Brief unmöglich in der drangvollen Enge seines Antiquariats lesen konnte. Das wusste er, seitdem Lore, o Lore! kometische Lore! ihm versprochen hatte, dass sie ihm schriebe. Also steckte er den Umschlag mit Lores Schrift und dem kleinen Kometen in die Innenseite seines Anzugs, griff nach seinem Schlüssel, trat aus der Tür und verschloss sie sorgsam, wie das so seine Art war.

 

Unzählbare Gedanken durchblitzten ihn, als er die Straße hinab zum Fluss ging. Es war nämlich so, dass Herr Semmelweiß sich dort eine Stelle ausgewählt hatte, die ihm das Träumen von Lore nicht nur erleichterte, nein, eine Stelle, die ihm regelrechte Höhenflüge verursachte.

 

Einige Male in letzter Zeit war es ihm sogar so vorgekommen, als sei er alleine von den Träumen bereits so wohlig gesättigt und glückhaft erschöpft, dass die wirkliche, üppige, rotgelockte und leicht frivole Lore sich ihm nahezu entzogen hatte. Ihm schien, die wahre, kometische Lore passte nicht an diesen Fluss. Es gab da eine kleine Landzunge, die sich unter dem Druck der Strömung am Ufer gebildet hatte. Auf dieser schmalen Halbinsel stand ein einziger Baum: eine Linde. Dies war sein Platz, dies war der Ort, an den es Herrn Semmelweiß zog.

 

Sobald er unter der Linde stand, zog er sich die Schuhe aus, seine Jacke und setzte sich auf den sandigen Boden, sodass er sich bequem an den Lindenstamm lehnen konnte. Die Jacke über seinen Schoß gelegt, zog er aus deren Innenseite den Umschlag heraus und las sich die Anschrift laut vor: Doktor M. Semmelweiß, Fabrikstraße 7, 01225 Klein Streben. Das war er. Doktor Marek Semmelweiß, 51 Jahre alt, ledig, Antiquar. Er blickte wieder auf den Umschlag, dann hinauf in die flatternden, herzförmigen Blätter über ihm, denen er zulächelte in seinem Glück. Er öffnete den Umschlag. Sorgfältig fuzzelte er mit den Fingern die zugeklebte Lasche auf und zog den Briefbogen heraus.

 

Kaum hatte er ihn entfaltet, blieben ihm sowohl Atem als Blut stocken: Das Blatt war leer. Kein Wort, kein Buchstabe, keine Gedanken der Zuneigung, in Tinte gefasst. Nichts. Keine Lore, nichts Kometisches, keine Antwort auf seine Frage, ob sich Lore eine solide Bindung zu ihm, Semmelweiß, vorstellen könnte.

 

Er saß starr. Er saß alleine. Er saß leer. Er wusste nicht mehr, wohin er blicken sollte, also schloss er seine Augen. Als sich die Lider gesenkt hatten, spürte er, wie er sie so zusammenkniff, dass alle Muskeln von Stirn und Schläfen mithalfen und alles vor Schmerz in Falten lag.

 

Er wollte nichts mehr sehen, ihre Schrift nicht, das leere Blatt nicht, die Lindenherzchen auch nicht, noch den Fluss. Er drückte immer fester, alle Kraft zog er aus seinem Körper zusammen, damit die Augen zublieben, zu, zu für immer, nichts mehr sehen müssen, nichts mehr lesen müssen, nichts von Lore und auch sonst nichts, dunkel ist es, dunkel soll es bleiben, es rauscht in seinen Ohren, die Muskelfasern vibrieren, der Mund ist vor Mühe verzerrt, dass seine Zähne bis zum Fleisch zu sehen sind.

 

Dann hält er den Schmerz nicht mehr aus, der Doktor Semmelweiß, und lässt sachte, sachte nach, die Fasern werden weicher, ein ruhiger Zug kehrt in sein Gesicht zurück, die Haut um die Augen glättet sich wieder, und zögernd hebt er bewusst die Lider, wartet auf das Bild, das langsam erscheinen wird in dem Spalt, hebt höher, ganz nach oben, reißt sie auf bis an die Brauen, schaut und schaut, er will sehen, er möchte jetzt sehen, es muss doch jetzt zu sehen sein: der Fluss, der Sand, die Lindenherzen und die kleinen Häuschen gegenüber – nichts.

 

Es wird nicht hell.

 

Cathie Janetzky